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Vulnerable Personengruppen

Bitte beachten Sie:


Die Darstellung der Ergebnisse ist ein Entwurf.

Ergänzungen, Änderungen und Korrekturen sind vorbehalten.

Stand: April 2021

1       Vulnerable Personengruppen und die UN-BRK

Unter vulnerablen Personengruppen werden im Kontext der UN-Behindertenrechtskonvention Personen mit Behinderungen verstanden, die aufgrund ihrer speziellen Lebenslage einem besonders hohen Risiko der Benachteiligung oder der Verwehrung ihrer Menschenrechte ausgesetzt sein können.

Gründe hierfür können sein, dass sie sich in hoher Abhängigkeit von anderen Personen befinden, in ihrer Kommunikation oder Mobilität besonders eingeschränkt sind oder nicht über genügend Ressourcen verfügen, um ihre Rechte selbst einzufordern. (Deutsches Institut für Menschenrechte / Monitoring-Stelle UN-Behindertenrechtskonvention 2020)


Die Monitoringstelle zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland nennt folgende potenziell vulnerablen Personengruppen:

  • Menschen mit Mehrfachbehinderungen
  • Menschen mit Behinderungen in Einrichtungen
  • Behinderte Menschen mit Migrationshintergrund
  • Arme Menschen mit Behinderungen
  • Wohnungslose Menschen mit Behinderungen

Im Rahmen des Projektes Saarland inklusiv wird auch die Situation von Mädchen und Frauen mit Behinderungen speziell betrachtet. Deren Situation wurde im zweiten und dritten Staatenbericht gezielt nachgefragt, ebenso gibt es eine Schnittstelle zur 2018 ratifizierten Istanbul-Konvention.


In der UN-Behindertenrechtskonvention selbst wird der Begriff der „vulnerablen Personengruppen“ nicht verwendet.

In Deutschland ist er über die Weiterentwicklung und Evaluation von Aktionsplänen zur Umsetzung der UN-BRK zunehmend in den Fokus gerückt worden.

Aichele bezeichnet die Einbeziehung von Menschen mit Behinderungen, die bisher nie Gehör gefunden haben, die in Einrichtungen leben oder keine sie vertretenden Organisationen haben, als Aufgabe für die kommende Dekade. (Valentin Aichele 2021)


Die Situation der einzelnen Gruppen im Saarland kann in diesem Bericht nur angerissen werden: in den verwendeten Statistiken werden die entsprechenden Merkmale nicht regelhaft abgebildet, zu einzelnen Gruppen liegen keinerlei gesicherten quantitativen Daten vor.

Vorliegend wird daher insbesondere auf Ergebnisse des Zweiten Teilhabeberichts des Bundes verwiesen und die in den bisherigen Workshops von Saarland inklusiv angegebenen Querverbindungen zu den vulnerablen Gruppen referiert.

2 Menschen mit einer festgestellten Behinderung

Zum 31.12.2019 gab es im Saarland 214.596 Menschen mit einer festgestellten Behinderung, das ist fast jeder vierte Einwohner/jede vierte Einwohnerin.


Die Schwere der Behinderung wird mit dem Grad der Behinderung (GdB) ausgedrückt; die Mehrheit der Menschen mit Behinderungen hat einen GdB zwischen 50 und 100 und gilt damit als schwerbehindert.

87.164 Personen haben einen GdB 25 bis GdB 50, das sind 41 Prozent aller Menschen mit Behinderung und Schwerbehinderung und neun Prozent der Gesamtbevölkerung.

127.432 Personen haben einen GdB ab 50, das sind 59 Prozent aller Menschen mit einer Behinderung und Schwerbehinderung und 13 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Ausführliche Informationen zu diesem Personenkreis befinden sich im Bericht Grunddaten Menschen mit Behinderungen.

3 Vulnerable Personengruppen

3.1      Menschen mit Mehrfachbehinderungen

Der Begriff Menschen mit Mehrfachbehinderungen ist einer von verschiedenen Oberbegriffen für eine durchaus heterogene Personengruppe (vgl. komplexe Behinderung, schwerst-mehrfache Behinderung u.a.m.).

Schmidt-Ohlemann beschreibt Mehrfachbehinderungen als das Vorliegen mehrerer Einschränkungen auf der Struktur- und der Funktionsebene und zugleich bestehenden Beeinträchtigungen der Aktivitäten und Teilhabe im Sinne der ICF.

In der Sonder- und Heilpädagogik sowie der Eingliederungshilfe werde mit der Verwendung des Begriffes „schwere Mehrfachbehinderung“ das Vorliegen einer komplexen körperlichen und geistigen Behinderung zum Ausdruck gebracht, die eine umfassende und spezialisierte Förderung und Unterstützung erforderlich mache und in der Regel mit Pflegebedürftigkeit verbunden sei. (Bundesarbeitsgemeinschaft f. Rehabilitation e.V. 2018, S. 165)


Die Rahmenkonzeption der Medizinischen Behandlungszentren für Erwachsene mit geistiger oder mehrfacher Behinderung (MZEB) bezieht sich dagegen wiederum auf die Beeinträchtigungen verschiedener Funktionen.

Das Vorliegen einer kognitiven Beeinträchtigung sei für die Feststellung einer Mehrfachbehinderung nicht zwingend notwendig. (Die Fachverbände für Menschen mit Behinderung 2015)


Gemein scheint diesem Personenkreis jedoch zu sein, dass ihre Lebenssituation dadurch charakterisiert sei, „(…) dass sie in besonderem Maße von Ausgrenzung, Ausschluss, Sonderbehandlung und Nichtwahrgenommenwerden bedroht sind (…)“ (Klauß 2009)


Der Zweite Teilhabebericht der Bundesregierung (Engels et al. 2016) scheint dies zu bestätigen:

So lebten beispielsweise im Jahr 2000 90% der geistig mehrfach beeinträchtigten Personen, die Unterstützung im Wohnalltag benötigten, in stationären Einrichtungen.

Bei einer Befragung des Dt. Jugendinstituts (2011) gaben 60% der befragten Jugendzentren an, dass ihre Angebote von Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigungen genutzt werden.

Für Kinder und Jugendliche mit Sinnes-, psychischen- oder Mehrfachbeeinträchtigungen gaben dies lediglich 10% an. (ebenda)


Im Rahmen der Routineberichterstattung liegen keine Daten zu Menschen mit Mehrfachbehinderungen vor.

Bei den einschlägigen Haushaltsbefragungen (bspw. SOEP oder Mikrozensus) werden nur Personen in Privatwohnungen befragt.

Davon ausgehend, dass Menschen mit Mehrfachbehinderungen überwiegend in Einrichtungen leben (s. obenstehender Absatz), bleibt diese Personengruppe in den Befragungen außen vor.

Die Datenlage wird sich voraussichtlich mit dem Teilhabesurvey ändern:

In der ersten Repräsentativbefragung zur Teilhabe von Menschen mit Behinderungen werden auch Personen einbezogen, die in Einrichtungen leben oder Kommunikationsbeeinträchtigungen haben.

Der Abschlussbericht ist für Dezember 2021 angekündigt.


Davon ausgehend, dass Besucher:innen der Tagesförderstätten (TAF) überwiegend zu diesem Personenkreis gehört, kann gesagt werden, dass im Dezember 2019 569 Personen im Saarland eine TAF besuchten.


Ergebnisse der Workshops:

Im Rahmen der bisherigen Workshops wurde verschiedentlich die Situation von Menschen mit Mehrfachbeeinträchtigungen angesprochen:


Im Handlungsfeld Arbeit und Beschäftigung wurde in Bezug auf die TAF-Besucher:innen konstatiert, dass diese im Hinblick auf Lohn oder Sozialversicherung „eklatant weit weg“ vom Arbeitsmarkt seien (Protokoll Arbeit und Beschäftigung).


Im Handlungsfeld Gesundheit wurde das Fehlen eines MZEB im Saarland kritisiert und dass Einrichtungen, Ärzte und medizinisches Personal nicht ausreichend gut auf die Situation von Menschen mit kognitiven oder anderen Einschränkungen eingestellt seien. (Protokoll Gesundheit und Pflege).


Im Handlungsfeld Häusliches Leben wurde festgehalten, dass Personen mit einem hohen Pflegegrad auf Unterstützung durch bspw. Pflegedienste oder Eingliederungshilfe in der eigenen Wohnung angewiesen seien. Es sei schwierig, passende Unterstützungssettings zu organisieren und zu finanzieren.


Im Handlungsfeld Soziale und kulturelle Teilhabe wurde festgehalten, dass die Teilnahme in Vereinen zwar häufig sehr gut für Menschen mit Behinderungen möglich sei aber stark zwischen den verschiedenen Einschränkungen differiere (Protokoll Soziale und kulturelle Teilhabe).


Im Handlungsfeld politische und rechtliche Teilhabe wurde beraten, wie politische Bildung und Teilhabe für Menschen mit Mehrfachbeeinträchtigungen gelingen kann (Protokoll Politische und rechtliche Teilhabe).

3.2          Menschen mit Behinderungen in Einrichtungen

Mit der Trennung der Fachleistungen der EGH von den existenzsichernden Leistungen (seit 01.01.2020) orientiert sich die Unterstützung von erwachsenen Menschen mit Behinderungen nicht mehr an der Wohnform.

Die bisherigen Komplexleistungen in stationären Einrichtungen der Eingliederungshilfe sind damit entfallen.

Nichts desto trotz wohnen weiterhin Menschen mit Behinderungen gemeinschaftlich mit anderen Menschen mit Behinderungen – das SGB IX führt den Begriff der besonderen Wohnformen ein (§ 104 SGB IX), es gibt gemeinschaftliche Wohnformen nach § 42 a SGB XII oder Räumlichkeiten nach § 71 Abs. 4 SGB IX sowie persönlicher Wohnraum in gemeinschaftsbezogenen Wohnangeboten nach § 42 a Abs. 1 SGB XII.


Die Definition von „Einrichtungen“ kann demnach nicht mehr unter Bezug auf die Eingliederungshilfe erfolgen. Denkbar erscheint eine Bezugnahme auf das Saarländische Wohn-, Betreuung- und Pflegequalitätsgesetz, welches ordnungsrechtliche Aspekte bestimmter Wohn- und Betreuungsformen regelt.

Als zentrales Merkmal stationärer Einrichtungen wird die Kopplung von Wohnraum und Betreuungs-, Pflege- und Versorgungsleistungen aufgeführt. (Bericht Mobilität und häusliches Leben; siehe hierzu auf die Richtlinien des GKV-Spitzenverband 18.12.2019.)


Die Haftung von Betreibern stationärer Einrichtungen reicht damit weiter als in ambu­lanten Betreuungsformen mit der Folge, dass die Selbstbestimmung der Bewohner:innen ihre Grenze an der im Rahmen des Ordnungsrechtes frei gestalt­baren Ordnung der stationären Einrichtung finden muss.


Daten zu Menschen in Einrichtungen können über die Eingliederungshilfestatistik, die Kinder- und Jugendhilfestatistik sowie die Pflegestatistik gewonnen werden.


Im Dezember 2019 erhielten im Saarland insgesamt 4.337 erwachsene Personen Leistungen zum selbstbestimmten Leben und Wohnen im Rahmen der Eingliederungshilfe.

2.226 dieser Personen erhielten stationäre Hilfen in einer Einrichtung.

65% der Bewohner:innen hatten eine geistige oder körperliche Beeinträchtigung, 27% eine seelische Beeinträchtigung, 5% eine seelische Beeinträchtigung in Folge von Sucht.


Im Saarland erhielten im Dez. 2019 zehn Kinder und Jugendlichen mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung stationäre Hilfen (ohne Schulausbildung). (siehe auch Bericht Mobilität und häusliches Leben)

Für seelisch behinderte junge Menschen wurden 2019 49 Hilfen nach § 35a SGB VIII in stationären Einrichtungen begonnen. (Statistisches Amt Saarland; 2021)

2019 wohnten im Saarland 11.405 pflegebedürftige Personen in Einrichtungen der vollstationären Dauerpflege (+ 13% seit 2009).

Der Anteil der jüngeren Bewohner:innen (unter 75 Jahren) ist deutlich höher als im bundesweiten Durchschnitt.

So lebten 20 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene unter 20 Jahren, 131 Erwachsene zwischen 20 bis 44 Jahren und 1.124 Erwachsene zwischen 45 bis 64 Jahren in einer Einrichtung der vollstationären Dauerpflege. (siehe auch Bericht Gesundheit und Pflege)


Der Zweite Bundesteilhabebericht weist ebenfalls die Daten der genannten Quellen aus und hält fest, dass über die Lebenssituation und die Meinungen dieser Personen wenig bekannt sei.

Er verweist auf den kommenden Teilhabesurvey, um hierüber die Situation von Menschen mit Behinderungen, die in Einrichtungen leben, besser einschätzen zu können. (Engels et al. 2016)


Ergebnisse der Workshops:

Im Rahmen der bisherigen Workshops wurde im Handlungsfeld Gesundheit und Pflege explizit auf die Situation von Menschen in Einrichtungen Bezug genommen:

Hier wurde über eine mögliche Fehlbelegung in der vollstationären Dauerpflege mit Menschen, die Anspruch auf Leistungen der Eingliederungshilfe haben könnten, beraten. (Protokoll Gesundheit und Pflege)


3.3 Behinderte Menschen mit Migrationshintergrund

„Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde.“ (Statistisches Bundesamt, www.destatis.de)


Die vorliegenden Daten weisen regelhaft nicht den Migrationshintergrund aus sondern beziehen sich auf die Staatsangehörigkeit.

Somit ist lediglich ein kleiner Teilbereich der Menschen mit Migrationshintergrund erfasst.

Die Daten geben auch nur Aufschluss über die Personen, die Zugang zu verschiedenen Leistungen erhalten haben.

2019 lebten im Saarland 111.336 Personen mit einer ausländischen Staatsangehörigkeit (11%), 47% davon waren Frauen.

Im Jahr 2019 hatten 5.927 ausländische Personen im Saarland eine anerkannte Schwerbehinderung, dies entspricht einem Anteil von 5%.

Demgegenüber waren 14% der deutschen Bevölkerung im Saarland schwerbehindert.


Im Bereich der schulischen Bildung lag der Anteil ausländischer Schüler:innen an Förderschulen im Jahr 2019 im Saarland bei 14%, dies entsprach in etwa dem Ausländeranteil der Gesamtschülerzahl (15%).

Angaben zu Schüler:innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Regelschulen ist mit dem Inkrafttreten der Schulrechtsänderung nicht mehr möglich. (KMK: 2019; siehe Bericht Bildung, Betreuung, Erziehung).


Die Bundesagentur für Arbeit verzeichnete im Jahr 2019 9.339 ausländische Arbeitslose im Saarland.

Davon hatten 187 Personen eine Schwerbehinderung (einschließlich gleichgestellter Personen) (2%).

Bei den deutschen Arbeitslosen lag der Anteil schwerbehinderter Personen mit 7,6% deutlich höher. (BA:2021)


Im Jahr 2019 erhielten im Saarland 15.764 Personen Leistungen nach dem 5.-9. Kapitel des SGB XII.

Davon hatten 967 Personen nicht die deutsche Staatsangehörigkeit.

Ausländische Leistungsbezieher:innen erhielten die Leistungen in 68% der Fälle außerhalb von Einrichtungen.

Bei den deutschen Leistungsbezieher:innen war dies in 34% der Fall.

Bei den Hilfen zur Gesundheit lag der Ausländeranteil mit 24 Personen bei 67% - dies deutet auf einen schwierigeren Zugang zu Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung hin. (Statisches Amt Saarland, 2021)


Der Zweite Bundesteilhabebericht berücksichtigt die Situation von Menschen mit Behinderungen und Migrationshintergrund in einem separaten Kapitel über alle Lebensbereiche hinweg.

Er nutzte hierfür insbesondere Daten des SOEP und des Mikrozensus, welche für das Saarland aufgrund fehlender Stichprobengröße nicht sinnvoll ausgewertet werden können.

Auch mit dieser Datenlage wurde darauf hingewiesen, dass diese insgesamt unbefriedigend sei. Die Berichterstattung in Bezug auf Menschen mit Behinderungen und in Bezug auf Menschen mit Migrationshintergrund sei traditionell getrennt und so fehle eine wechselseitige Berücksichtigung. (Engels et al. 2016)


Ergebnisse der Workshops:

Im Rahmen der bisherigen Workshops wurde im Handlungsfeld Mobilität die zunehmende Digitalisierung als eine Barriere für Menschen mit geistigen Behinderungen und für Menschen mit Migrationshintergrund gesehen. (Protokoll Mobilität und häusliches Leben)


3.4 Menschen mit Behinderungen in Armut

Die Armutsgefährdungsschwelle ist definiert als 60 Prozent des Median aller Nettoäquivalenteinkommen.

Im Jahr 2019 lag sie für einen Einpersonenhaushalt bei 1.074 EUR/Monat.

Das Statistische Bundesamt berechnet auf Basis des Mikrozensus die Armutsgefährdungsquote.

Im Jahr 2019 lag diese deutschlandweit bei 15,9 Prozent, im Saarland mit 17% etwas darüber.


Der Zweite Teilhabebericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2015 greift auf die Mikrozensusdaten aus dem Jahr 2013 zurück:

Demnach lag die Armutsrisikoquote von Menschen mit Beeinträchtigungen im Jahr 2013 bei 20% (Menschen ohne Behinderungen: 13%).

Besonders betroffen seien chronisch kranke Menschen ohne anerkannte Behinderung.

Diese haben demnach ein Armutsrisiko von 26%, während es bei Personen mit einem GdB unter 50 bei 17% und bei Menschen mit einer Schwerbehinderung bei 19% liege. (Engels et al. 2016)


Arnade und Scheytt beziehen dieses höhere Armutsrisiko für Menschen mit Behinderungen auf eine strukturelle Benachteiligung und Diskriminierung „(…) bei den Schlüsselfaktoren für Wohlstand und Einkommensarmut – Bildung und Arbeit (…)“.

Menschen mit Behinderungen erreichten in der Regel geringere Schulabschlüsse und seien deutlich häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen als Menschen ohne (Schwer-)Behinderung. (Der Paritätische: 2017)


In Bezug auf die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel gab es mit dem Bundesteilhabegesetz für die leistungsbeziehenden Personen der Eingliederungshilfe eine zentrale Anpassung:


Bisher durften diese bei zentralen Leistungen nur über ein geringes Einkommen (2x Regelbedarfsstufe I + Aufwendungen für die Unterkunft + ggf. Familienzuschlag) und Vermögen (2.600 €) verfügen.

Mit der Herauslösung der Eingliederungshilfe aus der Sozialhilfe wurden die Einkommens- und Vermögensfreigrenzen deutlich erhöht auf 60 – 85% der jährlichen Bezugsgröße als Einkommen (2020 etwa 32.500 €) und 150% der jährlichen Bezugsgröße als Vermögen (2020 etwa 57.300 €).

Zudem wird seit dem 01.01.2020 ein Partnereinkommen bzw. – vermögen nicht mehr herangezogen.


Im Saarland erhielten zum 31.12.2018 4.538 Personen Hilfe zum Lebensunterhalt nach Kapitel 3 SGB XII, 16.124 Personen erhielten Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung.

Grundsicherung nach dem SGB II erhielten im November 2020 80.348 Personen. (Statistisches Amt Saarland; Bundesagentur für Arbeit 2021)

Wie viele dieser Personen eine Behinderung hatten, ist nicht bekannt.


Der 2020 veröffentlichte zweite Aktionsplan zur Armutsbekämpfung im Saarland benennt Ansätze zur Bekämpfung von Armut sowie zur Verbesserung der Situation armer Personen in den Bereichen bezahlbarer Wohnraum, Kinderarmut und Bildung, Langzeitarbeitslosigkeit sowie Mobilität und Infrastruktur.

Auf die Situation von Menschen mit Behinderungen wird neben den Bereichen Wohnraum und Langzeitarbeitslosigkeit auch unter dem Aspekt der Barrierefreiheit im Bereich der Mobilität und Infrastruktur eingegangen. (Ministerium für Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie des Saarlandes 2020)


Im Saarland tritt die Saarländische Armutskonferenz für die Interessen armer Bürger:innen ein (https://saararmut.wordpress.com/)


Ergebnisse der Workshops:

Im Rahmen der bisherigen Workshops wurde verschiedentlich die Situation von armen Menschen mit Behinderung angesprochen:


Im Handlungsfeld Gesundheit wurde die Gefahr gesehen, dass arme Menschen mit Behinderung an ihrer Gesundheitsversorgung sparen würden, z.B. würden Medikamente über einen längeren Zeitraum gestreckt werden. (Protokoll Gesundheit).


Im Handlungsfeld Mobilität wurde die kostengünstige Nutzung des ÖPNV angesprochen:

Ab dem 01.07.2021 werde mit der Tarifreform im Saarländischen Verkehrsverbund saarVV ein Sozialticket eingeführt: mit einer zeitlichen Beschränkung koste dieses 29€, ohne zeitliche Beschränkung 39€/Monat. (Protokoll Mobilität und häusliches Leben)


Im Handlungsfeld Häusliches Leben wurde konstatiert, dass es zu wenig barrierefreien, bezahlbaren Wohnraum gebe.

Menschen mit Behinderungen seien oftmals auf staatliche Hilfen angewiesen, dadurch stehe nur ein bestimmtes Segment an Wohnungen zur Verfügung, das gebe es aber nicht überall.

Der behinderungsbedingte Mehrbedarf z.B. für eine größere Wohnung mit Assistenzzimmer helfe zwar, sei aber nicht ausreichend. (ebenda)


Im Handlungsfeld Soziale und kulturelle Teilhabe wurde auf die Kosten für entsprechende Freizeitangebote hingewiesen: diese seien für Menschen mit Behinderungen oft eine Barriere.

3.5 Wohnungslose Menschen mit Behinderungen

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAGW) definiert Wohnungsnotfälle als „Haushalte und Personen mit einem Wohnungsbedarf von hoher Dringlichkeit, die aufgrund von besonderen Zugangsproblemen (finanzieller und/oder nicht-finanzieller Art) zum Wohnungsmarkt der besonderen institutionellen Unterstützung zur Erlangung und zum Erhalt von angemessenem Wohnraum bedürfen.“

Hierzu gehören Haushalte und Personen, die aktuell von Wohnungslosigkeit betroffen sind, ebenso wie Haushalte und Personen, die beispielsweise in Behelfsunterkünften oder Übergangseinrichtungen untergebracht sind, in sogenannten „Schlicht- oder Substandardwohnungen“ leben oder denen unmittelbar die Wohnungslosigkeit droht. (Oelbermann 2005)


Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung definiert als wohnungslos, „wer nicht über einen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügt oder Eigentürmer eines solchen ist und ihn selbst nutzt.“ (Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) 2017)


Es gibt bislang keine bundesweite Statistik zur Zahl der wohnungslosen Menschen.

Schätzungen der BAG W zufolge waren im Laufe des Jahres 2018 etwa 542.000 Menschen wohnungslos.

Eine Studie der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung e.V. (GISS) schätzt die Gesamtzahl der Wohnungslosen am Stichtag 31.Mai 2018 auf 313.00 – 337.000 Menschen ein. (Facius 2020)


Die „Hilfen zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten“ nach § 67 ff SGB XII werden auch im Zusammenhang fehlender oder nicht ausreichender Wohnung geleistet. 2019 erhielten 1.142 Personen im Saarland diese Leistungen, 994 davon außerhalb von Einrichtungen (87%).


Der Teilhabebericht der Bundesregierung weist auf die mangelnde Datenlage und einen grundlegenden und breiten Forschungsbedarf zum Thema Wohnungsnotfälle und Wohnungslosigkeit auf und bezieht sich dabei überwiegend auf die Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (Engels et al. 2016)

Am 04. März 2020 wurde das Gesetz zur Einführung einer Wohnungslosenberichterstattung beschlossen (WoBerichtsG), zum 01. Januar 2022 werden erstmals Daten erhoben. Das Vorliegen einer Behinderung wird allerdings nicht berücksichtigt. (ebenda)


Ergebnisse der Workshops:


Im Rahmen der bisherigen Workshops wurden keine Aspekte in Bezug auf die Situation von wohnungslosen Menschen mit Behinderungen benannt.

3.6 Frauen und Mädchen mit Behinderungen

Die UN-BRK benennt in ihrer Präambel die „(…) Erkenntnis, dass Frauen und Mädchen mit Behinderungen sowohl innerhalb als auch außerhalb ihres häuslichen Umfelds oft in stärkerem Maße durch Gewalt, Verletzung oder Missbrauch, Nichtbeachtung oder Vernachlässigung, Misshandlung oder Ausbeutung gefährdet sind.“ (Beauftrage der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen 2009)


In Bezug auf den Schutz von Mädchen und Frauen gibt es im Saarland verschiedene Beratungsstellen und Einrichtungen – die entsprechenden Angaben befinden sich im Bericht Selbstbestimmung und Schutz der Person.


Zum 31.12.2019 lebten im Saarland 502.468 Mädchen und Frauen (51% der Gesamtbevölkerung).

99.769 der Mädchen und Frauen hatten eine anerkannte Behinderung, 59.154 waren schwerbehindert (46% aller schwerbehinderter Personen).


Im Bereich der schulischen Bildung werden Mädchen deutlich seltener verspätet oder zurückgestellt eingeschult als Jungen.

Ihr Anteil an Förderschulen ist mit 34 % unterrepräsentiert. (siehe Bericht Bildung, Betreuung und Erziehung)


Im Bereich Arbeit ist der Anteil weiblicher, schwerbehinderter Beschäftigter von 37% in 2012 auf 41% in 2018 gestiegen.

Fördermaßnahmen wurden häufiger von Männern als von Frauen genutzt.

Dem gegenüber waren mehr schwerbehinderte Männer als Frauen arbeitslos gemeldet (40% Frauen).


Bei der Rente wegen verminderter Erwerbsfähigkeit nach § 43 SGB VI war das Geschlechterverhältnis dagegen eher ausgeglichen: von den knapp 25.500 Leistungsbezieher:innen zum 31.12.2019 waren 48% Frauen. (siehe Bericht Arbeit und Beschäftigung)


Leistungen der Eingliederungshilfe erhielten 2019 insgesamt 9.553 Personen, 40% davon Mädchen und Frauen. Diese erhielten in 46% der Fälle die Leistungen außerhalb von Einrichtungen, bei den Männern war es 42%.


Ergebnisse der Workshops:


Im Rahmen der bisherigen Workshops wurden keine Aspekte in Bezug auf die Situation von Mädchen und Frauen mit Behinderungen benannt.

(Zum Zeitpunkt der Berichtslegung hat der Workshop Selbstbestimmung und Schutz der Person noch nicht stattgefunden.

Da hier der Bereich Häusliche Gewalt aufgegriffen wird, ist davon auszugehen, dass die Situation von Mädchen und Frauen mit Behinderungen diesbezüglich eine Rolle spielen wird.)

3.7 Weitere potenziell vulnerable Gruppen

Im Rahmen der Workshops wurde verschiedentlich auf die Situation von Menschen mit „unsichtbaren“ Behinderungen (bspw. seelischen oder chronischen Beeinträchtigungen oder autistischen Schädigungen) hingewiesen.

Das Verständnis für deren Situation und möglichem Unterstützungsbedarf sei weniger ausgeprägt als bei Menschen, denen man die Beeinträchtigung ansehen könne.



4 Literaturverzeichnis

Beauftrage der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen (Hg.) (2009): alle inklusive! Die neue UN-Konvention in leichter Sprache. Menschen-Rechte für behinderte Frauen, Männer und Kinder auf der ganzen Welt. Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Bonn.


Bundesarbeitsgemeinschaft f. Rehabilitation e.V. (2018): Rehabilitation. Vom Antrag bis zur Nachsorge - für Ärzte, Psychologische Psychotherapeuten und andere Gesundheitsberufe. Berlin: Springer (Springer Reference Medizin).


Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) (Hg.) (2017): Lebenslagen in Deutschland. Der Fünfte Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung, zuletzt geprüft am 06.04.2021.


Deutsches Institut für Menschenrechte / Monitoring-Stelle UN-Behindertenrechtskonvention (2020): Analyse: Zukunftspotenzial entfalten. Unter Mitarbeit von Valentin Aichele, Peter Litschke, Judith Striek und Nils Vief. Hg. v. Dt. Institut für Menschenrechte, zuletzt geprüft am 26.05.2020.


Die Fachverbände für Menschen mit Behinderung (Hg.) (2015): Rahmenkonzeption - Medizinische Behandlungszentren für Erwachsene mit geistiger Behinderung oder schwere Mehrfachbehinderungen (MZEB), zuletzt geprüft am 06.04.2021.


Engels, Dietrich Dr.; Engel, Heike Dr.; Schmitz, Alina (2016): Zweiter Teilhabebericht der Bundesregierung über die Lebenslagen von Menschen mit Beeinträchtigungen. Teilhabe-Beeinträchtigung-Behinderung. Hg. v. Bundesministerium für Arbeit und Soziales, zuletzt geprüft am 13.01.2020.


Facius, Sascha (2020): Erst gar nicht und dann mit einem Ruck: das Wohnungslosenberichterstattungsgesetz (WoBerichtsG). In: Nachrichtendienst (NDV) des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.V. 100 (5), S. 204–208, zuletzt geprüft am 23.12.2020.


GKV-Spitzenverband (18.12.2019): Richtlinien des GKV-Spitzenverbandes nach § 71 Abs. 5 Satz 1 SGB XI1 zur näheren Abgrenzung der in § 71 Abs. 4 Nr. 3 Buchstabe c SGB XI genannten Merkmale. Online verfügbar unter https://www.gkv-spitzenverband…71_Abs._5_Genehmigung.pdf, zuletzt geprüft am 10.01.2020.


Klauß, Theo (2009): Inklusive Bildung: Vom Recht aller, alles Wichtige über die Welt zu erfahren. Online verfügbar unter https://www.ph-heidelberg.de/f…aller_alles_zu_lernen.pdf, zuletzt geprüft am 06.04.2021.


Ministerium für Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie des Saarlandes (Hg.) (2020): Zweiter Aktionsplan zur Armutsbekämpfung im Saarland, zuletzt geprüft am 06.04.2021.


Oelbermann, Veronika (2005): Grundlagen für eine Politik zur Verbesserung des „Hilfesystems“ in Wohnungsnotfällen \(Hilfesystemforschung\). Hg. v. Forschungsverbund Wohnungslosigkeit und Hilfen in Wohnungsnotfällen, zuletzt geprüft am 06.04.2021.


Valentin Aichele (2021): Eine Dekade UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland. Hg. v. Bundeszentrale für politische Bildung. Online verfügbar unter https://www.bpb.de/apuz/284888…tion-in-deutschland?p=all, zuletzt geprüft am 06.04.2021.